Woher in der Schweiz den Winterstrom beziehen?

16.09.2022Helion

Ganz einfach: Man macht aus der Photovoltaik eine zweite Wasserkraft.

  1. Die Mythen entstauben: Solarkraft liefert auch im Winter beachtliche Mengen Energie 

Im Volksmund heisst es oft: Solaranlagen sind im Winter kaum brauchbar. Doch trifft das wirklich zu? Solaranlagen im Flachland produzieren im Winter rund 30 % ihrer Energie, in den Bergen über dem Nebel mehr als 50 %. Mögliche Stromengpässe zeigen sich gegen Ende Winter insbesondere in den Monaten Februar und März, wenn die Stauseen geleert sind. Dann aber produziert die Photovoltaik bereits wieder weit mehr als 30 % und ab April bereits wieder Nähe Vollast.  

 

Je nach Photovoltaikanlagentyp unterscheidet sich die Produktionsmenge: Während Solarfassaden beinahe 12 Monate lang konstante Erträge liefern, sind die Erträge von Schrägdachanlagen in den Wintermonaten aufgrund der teilweisen Schneebedeckung unterschiedlich. Hinzu kommen weitere Faktoren wie die Ausrichtung der Anlage und die Nebeldichte. Umgekehrt ist bei sehr kaltem Wetter der Ertrag höher, weil je kälter die Solarmodule sind, desto besser ist ihr Wirkungsgrad. 

 

Der Bau alpiner Solarkraftwerke ist vom Ertrag her interessant, weil Anlagen über der Nebeldecke, deren Module vertikal aufgeständert sind, grössere Mengen an Energie produzieren als Anlagen auf Dächern und an Fassaden im Flachland. Sie sind aber bei der Installation teurer als Anlagen im Flachland und aufwändiger beim Anschluss. Tatsache ist, dass das Potential an verfügbaren und geeigneten Flächen im Mittelland enorm hoch ist. In Kombination mit Freiflächen-Anlagen über der Nebeldecke entwickelt sich die Solarenergie definitiv zur zweiten Wasserkraft.   

 

«Heute deckt Solarstrom im Winter erst rund 2 bis 3 Prozent des Schweizer Strombedarfs ab. Doch mit einem Ausbau kann dieser Anteil allein mit Anlagen auf Hausdächern auf rund 20 % bis 30 % gesteigert werden.» (Prof.  Christoph Bucher, Prof. für Photovoltaiksysteme an der Berner Fachhochschule)  

 

  1. So befreien wir uns aus der fossilen Abhängigkeit 

Der Ukraine Krieg führt uns täglich vor Augen, wie abhängig wir von fossilen Energien sind. Diese Abhängigkeit ist gefährlich und muss nicht sein. Wir können heute bereits alle fossil betriebenen Heizungsanlagen mit  Solarenergie ersetzen. Zusammen mit der Installation von Wärmepumpen sichern wir uns eine klimaneutrale Wärmeversorgung. Auch lässt sich ein Zuviel an produzierter Solarenergie im Sommer in Wasserstoff bzw. synthetische Gase umwandeln, die sich beispielsweise in der Flugindustrie einsetzen lassen. Oder wir nutzen den Solarstrom für das eigene Elektroauto und dekarbonisieren damit schrittweise unsere Mobilität.  

 

Wichtig ist auch, dass jede solare Kilowattstunde im Sommer unsere Speicherseen entlastet und sie sich somit weniger schnell leeren. Solarstrom im Sommer schont unsere Speicherreserve für den Winter und stabilisiert damit unsere Versorgungssicherheit. Das optimale Zusammenspiel zwischen Wasserkraft und Solarenergie reduziert damit unsere Abhängigkeit von Stromimporten aus dem Ausland während dem Winter.  

Energiewende und die Bewältigung der Klimakrise gehen Hand in Hand.  

Heute geben wir jedes Jahr etwa acht Milliarden Franken aus für den Import von Erdgas und Erdöl aus Regionen mit instabilen Verhältnissen, geführt von autokratischen Regimes. Angesichts der aktuell explodierenden Energiekosten dürfte dieser Betrag 2022 und in den Folgejahren markant ansteigen.  

 

Damit wir uns aus dieser fatalen Abhängigkeit befreien können, brauchen wir rasch und in grossen Mengen Kapazitäten an erneuerbaren Energien. Die politische Regulierung hat es bis heute verpasst, Rahmenbedingungen zu setzen, die einen beschleunigten Ausbau möglich machen würden. Bis heute orientiert sich die Regulierung an viel zu bescheidenen Ausbauzielen. Die neuen Gesetze, die derzeit die ständerätliche Energiekommission am Erarbeiten ist, sollten deshalb viel ehrgeizigere Ausbauziele definieren, die uns die Energiewende bis allerspätestens 2050 sichern helfen. Damit sich diese Ziele dann erreichen lassen, braucht es ein passendes Finanzierungsmodell, schlanke Bewilligungsverfahren und ein Abbau an Bürokratie. 

Solarenergie wird zur zweiten Säule unserer Stromversorgung. Es braucht keine Atomkraftwerke. 

Alle stimmen zu: Solarenergie ist die billigste Energie der Welt. Neue Atomkraftwerke sind keine sinnvolle Alternative - zu teuer, zu spät und niemand will investieren. Die vermeintliche Achillesverse der Solarenergie, ihre Speicherung, lässt sich durch Umwandlung der Stromüberschüsse im Sommer in synthetisches Gas und in Wasserstoff lösen. Und die rasche wachsende Elektromobilität liefert gleichzeitig gewaltige Kapazitäten an Batteriespeichern. Elektromobilität entwickelt sich zu einem integralen Bestandteil der Energiewende und zu einem Teil der Lösung. Wenn man davon ausgeht, dass 95 % der Fahrzeuge in Zukunft elektrisch betrieben werden, wird die E-Mobilität eine tägliche Speicherkapazität erreichen, die der derzeitigen Tagestromproduktion der Schweizer Kernkraftwerke entspricht. Der Unterschied? Diese Lasten sind steuerbar und flexibel nutzbar. Für den dreimonatigen winterlichen Engpass - und nur dann – kommen unsere Stauseen zum Einsatz, die notabene ebenfalls geschont werden, je mehr Solarstrom übers Jahr produziert werden kann. 

 

Und dann ist dann noch Europa 

Um die Stabilität des europäischen Stromnetzes zu sichern, ist ein reger und konstruktiver Austausch mit unseren Nachbarsländern auf Basis von gegenseitigen Verträgen unerlässlich. Die Schweiz wäre aber auch in der Lage, an 365 Tagen im Jahr eine weitgehend autonome Energieversorgungssicherheit zu gewährleisten im Zusammenspiel der Elektromobilität und der Wasserkraft. Ein Drittel der vorhandenen Dächer, Fassaden und Infrastruktur reicht dafür aus. Das Potential der alpinen Photovoltaikflächen ist dabei nicht mal eingerechnet. Um dies zu erreichen, ist die Branche allerdings auf die Generation Z oder auf Quereinsteiger:innen angewiesen: Bis 2050 wird die Solarbranche 28'000 Fachkräfte beschäftigen, die derzeit gesucht oder umgeschult werden - zum Beispiel im Rahmen unserer hauseigenen Helion Academy. 

 

Versuchen wir es doch mit der gelebten Energiewende. Das klingt recht unspektakulär und wohl auch weniger konkret als Stromimporte oder Reduktion unseres Gasverbrauchs. Aber letztlich führt kein Weg an dieser Wende vorbei. Wir alle, Private und Unternehmen, stehen in der Verantwortung, dass wir in Zukunft über genügend Energie verfügen, erneuerbare und damit nachhaltige und günstige Energie.  

 

«It doesn’t matter when we start. It doesn’t matter where we start. All that matters is that we start.» (Simon Shinek, Berater, Autor und Leadership-Influencer).